Mein linkes Handgelenk vibriert und mein Fitbit holt mich mit “stummer Alarm” aus dem eher kurzen Schlaf. Es ist 4 Uhr 15 in der Früh - Zeit aufzustehen. Ich konnte eh nicht richtig schlafen. Ständig dachte ich darüber nach ob ich wohl einigermaßen fit bin für das was heute anstand: 620 Klettermeter aufgeteilt in 15 Seillängen und einem Abstieg zurück ins Tal, der für meine Knie wahrscheinlich elendig enden würde - da war ich mir sicher.

Nachdem ich Alex den Tag vorher aus einem mentalen Tief heraus spontan angeboten hatte ihm bei einer leichten Tour zu Übungszwecken Gesellschaft zu leisten packte er mich mitsamt den Klettersachen ins Auto und los ging’s Richtung Wilder Kaiser in Österreich.

Da wir im Stripsenjochhaus so kurzfristig keine Übernachtung bekamen schliefen wir einfach auf dem Parkplatz bei der Griesener Alm in unserem Bus. Dort hatten wir zur Vorbereitung auf die Tour noch fürstlich gespeist, bevor wir uns gegen 21 Uhr auf’s Ohr legten.

Jetzt saß ich da, mit meiner blauen Alutasse voll Milch und stopfte lustlos ein paar Haferflocken in mich rein (“In der Not…”). Gepackt war soweit schon alles. Nur noch kurz frühstücken und auf geht’s zum Einstieg. Ich bin kein sonderlich großer Wanderfreund. Zwar jogge ich mehr oder weniger regelmäßig kleine Strecken an der Isar. Das ist aber auch schon alles was ich für meine Kondition unternehme.

Der frühe Vogel…

Mehr als 8 Mehrseillängen am Stück hab ich noch nie gemacht. Ich habe keine Ahnung, ob ich den Zustieg zur Wand einigermaßen relaxed meistere mit der ganzen Kletterausrüstung und der 2-Liter-Wasserblase auf dem Rücken. Ich weiß nur, dass ich auf jeden Fall eine Pause vor dem Einstieg brauchen werde bevor es los geht. Egal wie viele andere Seilschaften bei dem vorhergesagten Spitzenwetter (1. August, 14 Sonnenstunden bei knapp 30 Grad) in die Tour wollen, egal ob Alex deswegen Stress macht und egal ob wir in unserer Zeitplanung zurück liegen. Pausen sind wichtig für mich, denn ich weiß wie es sich anfühlt wenn man mit schlechter Kondition, unausgeruht in eine MSL einsteigen muss. Meine Forderung war klar: “Kein Stress. Lieber früher los.”

So wurde es relativ zeitig, als wir los zogen und in gemächlichem Tempo den mit Stirnlampen beleuchteten Weg zum Stripsenjochhaus hoch liefen.

Ich weiß nicht mehr genau wie lange wir unterwegs waren oder wie lange unsere Pause vor dem Fels gedauert hatte. Auf jeden Fall waren wir die erste Seilschaft an dem Tag in dieser Tour. Um 6.37 Uhr war Alex bereits in der ersten Seillänge unterwegs, als ich sah dass sich zwei weitere Seilschaften den Weg zu uns hoch schlichen. Aber das konnte noch dauern.

Wir sind trotz ein paar Orientierungsschwierigkeiten in den ersten beiden SL zügig voran gekommen (beide Male ging’s stärker nach rechts als angenommen). Alex ist alles vorgestiegen. Das gab an ein paar Stellen etwas Seilgewusel, aber im Großen und Ganzen waren wir (fand ich) flott unterwegs.

Nach der 7ten Seillänge zählte ich schon das Ende. Nicht dass die Tour langweilig war. Aber es war jetzt doch schon relativ warm - auch in der Nordwand. Und ich fing an in meinem langen Oberteil zu schwitzen (frieren beim sichern ist blöd).

Ich hörte ja schon länger ein paar Rufe anderer Seilschaften in der Ferne. Hab mir nicht viel gedacht. Aber plötzlich waren sie hinter uns und es dauerte nicht lang, dann war ich am Stand nicht mehr alleine. Ein älterer Herr hatte sich “mit eingeklinkt” und meinte zu mir, dass er etwas in Stress ist, weil im noch 2 weitere Seilschaften im Nacken sitzen.

“Das wollte ich hören.” Jetzt schoss auch mein Stresspegel leicht in die Höhe. Wenn ich etwas nicht mag, dann Seilschaften direkt hinter einem. Ich war eigentlich sehr zufrieden mit meiner Kletterleistung und der Geschwindigkeit bis dato. Alles lief wie am Schnürchen. Ja, das Seilhandling könnte besser sein, aber es war auch nicht wirklich miserabel. Mit den ganzen Leuten im Nacken kletterte ich nicht mehr so sauber wie vorher. Mein Ziel war jetzt nur noch schnell hoch zu kommen. Das klappte auch ganz gut. In der 12ten Seillänge gab es kurz vorm Stand eine Stelle, die dem älteren Kletterpaar nicht ganz leicht viel. Da hingen wir sie kurzzeitig wieder ab.

Nicht mal 6 Stunden

Aber oben am Ausstieg nach der 15 SL waren sie dann auch schon wieder da, als wir unser Material zusammen packten. Um 11.45 Uhr waren wir am Ausstieg angekommen. Wir sind dann die letzten paar Hundert Meter zum Gipfel hinter ihnen her gelaufen. Was wegen der Orientierung ganz gut war. Allerdings hatten wir zu dem Zeitpunkt nicht mehr genug Wasser. Alex Blase war ausgelaufen und wir hatten uns mein Getränk geteilt.

Das war eigentlich blöd, weil ja noch der lange Abstieg durch die “Steinerne Rinne” vor uns lag - natürlich in der Sonne. Auch wenn die seilfreie 2er / 3er Kletterrei nicht wirklich schwer ist. Wenn man schon recht dehydriert ist und leicht rumstolpert, muss man da echt aufpassen. Ich hab so oft es ging Pause gemacht, wenn möglich im Schatten. Bis wir zur Abseilpassage kamen waren schon noch so ein, zwei Stellen, die ich nicht ganz ohne fand, da ausgesetzt und mit wackeligen Steinen. Den Spreizschritt kurz vor dem Gipfel über die Spalte hab ich mich nicht ohne Sicherung getraut.

Mag ja sein dass ein großer Mensch damit kein Problem hat. Ich bin nicht im entferntesten an den Griff und Tritt an der anderen Seite gekommen und hab mir von Alex eine Bandschlinge über ein Felsköpfl hängen lassen - für alle Fälle.

Den Gipfel lies ich links liegen und bin zügig weiter zur Abseilstelle beim Ellmauer Tor. Pausen hatten wir jetzt schon genug. Leider gab es beim Abseilen einen Stau. Eine Seilschaft vor uns (2 junge Burschen), hat an dem Tag das erste Mal abgeseilt. Sie bekamen es freundlicherweise von dem älteren Herrn der mir am Stand öfter Gesellschaft leistete, gezeigt. Das dauerte natürlich etwas.

Schon komisch, dass man als Kletterer in alpinem Gelände nicht mal weiß wie man sich abseilt! Wenigstens war das Wetter in Ordnung und man musste nicht fürchten, dass man schnell vom Berg runter muss. Als wir dann endlich dran waren war ich jedoch froh, weil mir die Sonne schon wieder zuviel wurde.

Abstieg durch die steinerne Rinne

Unten packt man dann die Stöcke aus und macht sich auf den Weg zurück über das recht lange Geröllfeld. Der Abstieg war kein Spaziergang. Wie befürchtet haben meine Knie das ganze nicht lange mitgemacht. Ich lief wie eine alte Frau recht stelzig durch die Gegend. Alex ging’s nicht viel besser.

Der Abstieg dauerte leider entsprechend lange an dem Tag. Als wir abends um ca. 18 Uhr den Bus wieder erreichten sind wir einfach nur auf die Liegefläche gefallen und haben unsere wehen Stellen ausgeruht. Wenn ich nicht so einen Hunger gehabt hätte, wär ich nicht mal die paar Meter zur Griesener Alm rüber gelaufen, so fertig war ich.

Für die direkte Heimfahrt nach dem Essen waren jedoch weder Alex noch ich bereit. Also sind wir schnurstracks nochmal im Bus für einen Erholungsschlaf geblieben und erst früh morgens gegen 3 Uhr heim gefahren. Erstaunlicherweise war ich den Tag danach wieder gut regeneriert. Von Knieschmerzen keine Spur mehr. Aber trotzdem weiß ich jetzt wieder, warum ich mir keine langen Mehrseillängen mehr antun muss, wenn der Zustieg bzw. Abstieg nicht passt. Die Qual überlass ich anderen…

Fakten zur Via Classica

Den Tourenplan gibt es auf Bergsteigen.com.

Ausrüstung:

  • 50 m Doppelseil (teilweise laut Topo zu kurz, aber mit Bandschlingen-Verlängerung geht’s gut),
  • 10 Expressschlingen, Friends (oder Klemmkeile) benutzten wir keine, wären aber bei der einen oder anderen Stelle nicht verkehrt.
  • Ein Helm ist Pflicht in der Tour, da es doch öfter mal vorkommt, dass ein Stein los getreten wird. Es ist nicht alles fest.
  • Ausreichend Wasser - die Tour insgesamt ist recht lang
  • Energieriegel damit man hinterher nicht am Hungertuch nagt aber auch nicht zuviel im Rucksack hat
  • Regenschutz, sollte es auffrischen oder anfangen zu regnen, wenn sich bei der Abseilstelle mal wieder alles staut. Wir waren unter der Woche dort - möchte nicht wissen wie es an einem schönen WE so zugeht, da die Tour sehr beliebt ist.

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